150 Jahre Sozialdemokratie in Osterode am Harz

 
Foto: Stadtarchiv Osterode
 

Am 4. April 1868, knapp fünf Jahre nach Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Leipzig mit Ferdinand Lasalle als Präsident gründete sich auch in Osterode am Harz ein Arbeiterverein. Mit Übungen "im Gesange, Rechnen, Schreiben und Zeichnen" wurden "unbescholtene Männer [...] ersucht, dem Vereine beizutreten." Recht bald wurde aber auch die Gründung einer Krankenunterstützungs- und Sterbekasse für Vereinsmitglieder oder die Gründung eines Consum-Vereins diskutiert.

 

Aus diesen Anfängen einer Selbsthilfe der Arbeiterschaft ist die SPD als Partei erwachsen. Damit gehört der SPD-Ortsverein Osterode am Harz zu den ältesten SPD-Gliederungen in Deutschland. Mit einem Festakt am 1. Juni mit Sigmar Gabriel als Festredner und einem Sommerfest am 3. Juni ab 11:00 Uhr im Kurpark vor der Stadthalle soll das 150-jährige Jubiläum begangen werden.

In 150 Jahren haben Sozialdemokraten Deutschland geprägt: Im Kaiserreich von Bismarck verfolgt, gab die SPD der Arbeiterschaft eine politische Stimme gegen die preußische Aristokratie. Nach dem Ersten Weltkrieg rief Philipp Scheidemann 1919 die Deutsche Republik aus und Friedrich Ebert wurde Reichspräsident. Unvergessen bleibt die wohl mutigste Rede des gesamten deutschen Parlamentarismus, als der Sozialdemokrat Otto Wels am 23. März 1933 in der Debatte um das Ermächtigungsgesetz Adolf Hitler zurief "(…) Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht (…) Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus."

Nach dem Krieg waren es Sozialdemokraten, die wichtige gesellschaftliche Fortschritte durchsetzten. Elisabeth Selbert und Frida Nadig erreichten als Mitglieder des Parlamentarischen Rates die Aufnahme der Gleichberechtigung von Mann und Frau in das Grundgesetz. Mit dem Godesberger Programm von 1959 bekennt sich die SPD zur Demokratie aber auch zur öffentlichen Kontrolle wirtschaftlicher Macht. In 1970er Jahren war es dann Willy Brandt, der mit seiner Politik für viele Menschen den Grund lieferte, in die SPD einzutreten. Die hohe Zahl der Ehrungen für 40-jährige Mitgliedschaft zeugt noch heute davon. Brandt setzte mit seiner Ostpolitik und dem Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos Maßstäbe und erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Zuletzt war es Gerhard Schröder, der nicht nur die deutsche Beteiligung am Irak-Krieg ablehnte, sondern mit den auch innerhalb der SPD noch immer umstrittenen Hartz-Reformen den Grundstein für den derzeitigen Wirtschaftsboom in Deutschland legte. Aber auch in den sich anschließenden großen Koalitionen konnte die SPD mit dem Mindestlohn oder der Rente nach 45 Erwerbsjahren wichtige sozialpolitische Verbesserungen durchsetzen.

In Osterode am Harz ist die SPD spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts die bestimmende politische Kraft im Rat der Stadt. Osterode war industriell geprägt und so gab es ein starkes Proletariat, das sich in der SPD politisch organisierte.

Eine besondere Episode ereignete sich während der Nazizeit, als die Gründungsfahne der Osterode SPD aus dem Jahr 1868 von Friederike Schimmelpfennig bei Firma Piller unter den Dachsparren versteckt wurde, weil Hans Piller als NSDAP-Mitglied unverdächtig war. Leider erkrankte sie und holte kurz vor ihrem Tod die Fahne zurück. Sie übergab sie der Frau von Franz Hagenbuch, die sie unter ihrer Kleidung zu ihrer Schwester nach Herzberg schmuggelte. Dort überstand sie den Rest der Nazizeit unbeschadet. Heute wird die Fahne im Osteroder Museum aufbewahrt und eine Kopie hängt im SPD-Büro in der Berliner Straße.

Nach dem Krieg waren es zunächst kriegsbedingte Probleme, mit denen sich die Räte zu beschäftigen hatten: Wiederaufbau und Wohnungsnot sowie die Unterstützung sozial Schwacher waren die bestimmenden Themen. In den 1970er Jahren waren es dann die Zusammenschlüsse Osterodes mit den umliegenden, damals noch eigenständigen Dörfern zu einer modernen Stadt mit ihren Ortsteilen. Der Bau der Stadthalle, der Fußgängerzone und des Schwimmbades veränderten das Stadtbild. Eine moderne Schnellstraße sorgt dafür, dass der Durchgangsverkehr die innerörtlichen Straßen nicht belastet.

Nach der Jahrtausendwende galt es, sich dem demographischen Wandel zu stellen und den städtischen Haushalt zu konsolidieren. Heute versucht die Mehrheitsgruppe SPD/Grüne im Stadtrat, die städtischen Einrichtungen zu modernisieren und fit für die Zukunft zu machen.

Zum Festakt am 1. Juni in der Stadthalle wird Sigmar Gabriel als Festredner erwartet. Daneben werden führende Sozialdemokraten aus Stadt und Region wie der Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann anwesend sein. Ein Sommerfest für alle schließt sich am 3. Juni ab 11:00 Uhr im Kurpark vor der Stadthalle an. Die Presidents Man, das Figurentheater Favoletta und Martin Schnella & Melli Mau sorgen für Unterhaltung. Für Kinder gibt es eine Hüpfburg und Kinderschminken vom Verein "Rückenwind".

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